Geschchte von Harpen

Von Amtmann Max Ibing

(aus Stadt Bochum - 5. Heimatbuch 1951)

Ein Halbes Jahrhundert Harpener Geschichte

Meine Schilderungen beginnen mit der Wende des 19. Jahrhunderts. Zuvor bedarf es jedoch noch einer kurzen Rückschau auf die Verwaltungsorganisation der Gemeinde Harpen vor dieser Zeit. Als im Jahre 1816 nach den Befreiungskriegen der neue Kreis Bochum gebildet wurde mit einer Seelenzahl von 28 362, kam Harpen mit etwa 350 Einwohnern an den Kreis Dortmund, dann aber am 1. Januar 1819 endgültig wieder zum Kreis Bochum.

Im Jahre 1876 schied die Stadt Bochum mit 25 174 Bewohnern aus diesem Kreisverbande aus, der im Jahre 1885 schon wieder auf 148 600 Einwohner angewachsen war. Wegen dieser Größe erfolgte zu dieser Zeit eine Teilung in drei neue Kreise: Bochum-Land, Hattingen, Gelsenkirchen. Bis 1906 haben sich aus diesem Landkreis Bochum weiter losgelöst: Die Städte Witten und Herne, die Gemeinden Grumme, Hamme, Hofstede, Wiemelhausen, Baukau und Horsthausen.

Die Gemeinde Harpen war früher dem Verbande des Amtes Bochum angeschlossen. Als dieses 1881 geteilt wurde, in Bochum I Nord und Bochum II Süd, kam Harpen zum ersteren. (Verwaltungsgebäude auf der Brück-straße in Bochum.)

Mehrere Male hat die Arnsberger Regierung nach 1885 versucht, dieses immer größer werdende Amt Bochum I Nord zu teilen, doch scheiterte dieses Vorhaben immer an dem zähen Widerstande der Gemeindevertretungen, die meistens aus Bauern bestanden.

Um die Jahrhundertwende bis zum ersten Weltkrieg

Erst am 1. April 1900 kam die Teilung zustande durch Bildung der neuen Ämter Hamme, Harpen, Hofstede. Zum Amte Harpen wurden die Gemeinden Harpen, Gerthe und Grumme bestimmt. Die Amtsverwaltung Harpen wurde dem Amtmann Höltje mit dem Sitze im alten Amtshause auf der Brückstraße übertragen. Das Amt Hamme bekam der Amtmann, spätere Stadtrat Otto Ibing, während das Amt Hofstede dem Amtmann Wynecken unterstellt wurde. So fluktuierend die Bevölkerung, so unstet die kommunalen Verwaltungsbezirke.

Im April 1902 zog die Amtsverwaltung Harpen in den eigenen Amtsbezirk, und zwar in die Wirtschaft Hegenberg, mietete sich dann 1903 gegenüber in dem großen, neuartig gebauten Wasserturm des Verbandswasserwerkes ein, wo im obersten Stockwerk Wasserkessel mit einem Inhalte von 3000 cbm Wasser eingebaut sind, bis im Jahre 1910 die Amtsverwaltung Harpen das neue Amtsgebäude in Gerthe bezog, das von der Gemeinde Gerthe errichtet war.

Am 1. Dezember 1901 hatte der Amtmann Hans von Köckritz seinen Vorgänger Höltje abgelöst, nachdem letzterer die massivsten Streitschriften gegen seinen Landrat Spude hatte drucken und verbreiten lassen. Aus diesem Kampf ist mir erinnerlich, wie durch Irrtum oder Intrige ein Bericht dieses Landrats über den Amtmann Höltje an die Regierung in Arnsberg ausgerechnet in die Hand Höltjes gelangte, der diesen Ukas mit gewürzten Kommentaren an seinen Landrat zurückschickte. Die Gerichte haben sich mit den aufsehenerregenden ‚geharnischten Sonetten" Höltjes beschäftigen müssen.

Die Bauern als Urbewohner

Der damalige Vorsteher der Gemeinde Harpen war Ludwig Becker genannt Hodde, ein Bauer von echtem Schrot und Korn, wie eine knorrige westfälische Eiche. Weil ihm wegen seines Körpergewichtes das Gehen schwer wurde, fuhr er meistens in einem Kutschwagen. Ludwig Becker war ein allgemein geachteter Repräsentant nicht nur der politischen Gemeinde, sondern auch der bäuerlichen Zeitverhältnisse.

Obwohl die Gemeindevertretung nach dem Dreiklassenwahlrecht gewählt war, saßen in der Mehrzahl doch Bauern in diesem Kollegium. Von der ersten Klasse, in der allein die Zeche Karoline wählte, war der Betriebsführer entsandt.

Zu Anfang dieses Jahrhunderts war noch der bäuerliche Einschlag, der Urbewohner, im ganzen Ort ziemlich tonangebend. Die Höfe waren ansehnlich und gut fundiert, die Besitzer sparsam und fleißig. Der Ackerboden ist so gut wie der beste in der Soester Börde.

Das Gesinde setzte sich noch meistens aus bodenständigen Nachbarn oder sogenannten Einwohnerleuten in kleinen zum Hofe gehörigen Häuschen zusammen.

Ich habe die meisten alten Bauern noch gekannt, wie sie selbst hinter dem Pflug über ihre Acker gingen, wie Ruhe, Küper, Dreckmann, Oberhöffken, Becker, Niederschulte, Schulte-Heinrich, Nierhoff, Schroer, Schulte, Dettmer, Hellmich, Dörsing, Wiemann. Am liebsten sprachen diese Leute noch plattdeutsch.

Das Wort Bauer war damals noch nicht im guten Sinne gebräuchlich; man nannte sich je nach Größe des Hofes Gutsbesitzer oder Landwirt. Bei den für den Ort hoch bedeutenden Jahrmärkten saßen die Bauern im Stratmannschen Saale auf einer besonderen Bühne (Biön) und leisteten sich Wein.

Im Verlaufe dieser letzten 50 Jahre hat sich im bäuerlichen Leben in Harpen vieles grundlegend geändert

Heute nennen sich die Großen aus der Zeit des Erbhofrechtes mit Stolz „Bauer", während die Kleinen beim „Landwirt" geblieben sind.

Die Arbeiterfrage ist zu einem schwierigen Problem geworden; eine Zeitlang mußte man die Gelegenheitsarbeiter und Wandervögel von der Herberge zur Heimat in Bochum holen, bis auch dieses Haus dem Bombenkrieg zum Opfer fiel. Die besten Kräfte für die Landwirtschaft stellten jahrelang die aus dem Osten zugereisten Einwanderer, soweit sie nicht sofort vom Bergbau aufgesogen wurden. Die Frauen dieser Leute halfen in freien Stunden viel, und es war einige Jahre Sitte, daß die schulentlassenen Knaben und Mädchen zunächst zum Bauer kamen, bis die ersteren für das Bergwerk tauglich waren.

In Harpen bestanden auch noch die sogenannten „Nachbarschaften" unter den Bauern, d. h. keine Hausnachbarn im eigentlichen Sinne, sondern als Art Hilfsgemeinschaft bei Geburten, Taufen, Krankheiten, Sterbefällen usw. Zu diesen Nachbarn, die beliebig wohnen konnten, gehörten auch selbständige Handwerker.

Wenn der starke Einfluß des bäuerlichen Elementes im Laufe der Zeit mehr zurückgegangen ist, so liegt die Schuld zum Teil auf eigener Seite. Manche Hofeserben, die oft höhere Schulen besuchten, um als „Einjährige" beim Heer dienen zu können, hatten nach dieser kostspieligen Dienstzeit vielfach den Geschmack am Selbstzupacken, wie es noch solider Väterbrauch gewesen war, verloren.

Für solche Junkerallüren waren aber die Höfe nicht groß genug. Während die Alten bei Bedarf noch Buchen im Bockholtwalde schlugen und zu Geld machten, begann man jetzt mit Grundverkäufen, ja bis zum Verkauf des ganzen Hofes. Dabei bestand in Harpen kein Industriehunger nach Kulturland. Die Montanindustrie ging um Harpen herum, und andere Fabriken blieben fern; erhalten blieb bis heute der überwiegend ländliche Charakter im Kranze großer Bergwerksbetriebe. Im Jahre 1871 schrieb der Märkische Sprecher in Bochum von Harpen folgendes: „Eine köstliche Perle in dem lieblichen Dörferkranz um den Zentralbahnhof Langendreer."

In Harpen hat demnach kein Kampf der „Kohlen-Barone" gegen die uralte Agrikultur die Struktur der wirtschaftlichen Verhältnisse verändert wie sonst allgemein im Kohlenrevier.

Und dennoch verschwanden alte Bauerngeschlechter von angestammter Scholle, als da waren: Stratmann-Kornharpen, Dettmer, Fleitmann, Schulte-Heinrich, Kohlleppel, Küper, Wiemann.

Der große Hof Stratmann-Kornharpen mit allerbestem Weizenboden und Branntweinbrennerei ging im Jahre 1911 in den Besitz der Stadt Bochum über, die einen großen Teil des Geländes zur Anlegung eines Zentral-friedhofes verwenden wollte. Hierzu ist es aber nicht gekommen; der Friedhof ist in Altenbochum angelegt, und in der Nazizeit ist das gesamte vorgesehene Friedhofsgelände noch vor dem zweiten Weltkriege mit Flak-Kasernen bebaut, wodurch wertvollster Boden für die Volksernährung verlorenging, während sich die Kasernen allezeit als „Zwinguri" in die ehemals friedliche Landschaft hineingelegt haben.

Ein anderer großer Teil des Stratmannschen Hofes war für einen Flugplatz ausersehen in Erinnerung an die Zeiten der ersten Eisenbahn, die nicht an Bochum, sondern an Herne vorbeigeleitet wurde, weil Bochum die da-maligen Zeichen einer neuen, umwälzenden Zeit nicht begriffen hatte. Man wollte aber jetzt bei Beginn des Flugverkehrs sich rechtzeitig in die Flugroute einschalten und fertigte in Bochum fix und fertige Entwürfe an, mit denen man nunmehr eine völlige Eingemeindung von Harpen in die Stadt Bochum zu begründen sich bemühte.

Immerhin wäre eine solche Flugplatzanlage für einen Friedensverkehr der Menschheit besser dienlich gewesen, als diese heutigen militärischen Kasernenanlagen.

Übrigens sind auf diesem projektierten Flugplatzgelände in Gegenwart einer großen Zuschauermenge in den Jahren 1911 - 1912 die ersten Flugversuche von dem Bochumer Fritz Clauberg auf einem Grade-Eindecker unternommen worden.

Für die Zustimmung der Ausgemeindung des Stratmannschen Hofes erhielt die Gemeinde Harpen die unentgeltliche Zuwendung von 60 Morgen Landes aus diesem Hofbesitz, soweit das Gelände nicht nach Bochum umgemeindet wurde. Für diese auf solche Weise erworbenen Ländereien hat Harpen nach dem ersten Weltkrieg gute Verwendung für die bauliche Entwicklung gehabt, sei es zum Tausch, Verkauf oder eigenen Gebrauch. So verging die Herrlichkeit dieses einstmals blühenden, uralten westfälischen Hofes, und mit ihm teilten einige andere das gleiche Schicksal, weil das lebende Geschlecht dem Moloch Geld und dem Ungeist der Spekulation verfallen und untauglich geworden war, die eigene Hand an den Pflug zu legen. Auf vielen Höfen begann jetzt die Zeit der Pächter, worunter tüchtige Landwirte Einzug in Harpen hielten, deren Wirtschaftskunst hinfort für zwei Familien Nahrung und Daseinsmöglichkeit aus dem Boden herausholte.

Wenige Bauern sind der Scholle und dem Ahnenerbe treu geblieben und haben redlich, um es zu besitzen, das erworben und vermehrt, was sie von den Vätern ererbt haben, als da sind: Erich Schulte, Wilhelm Becker, Ober- höffken, Otto Homborg, Dörsing, Schroer, Dreckmann. Neue Besitzer sind auf verschiedenen Höfen aufgezogen - Brüning, Dreyer, Wegener. Im 2. Weltkriege sind die hoffnungsvollen Jungbauern Helmut Nierhof und Heinz Dörsing gefallen.

Als zur Zeit der Burenkriege in Südafrika zu Beginn dieses Jahrhunderts einige Buren-Generale in Deutschland umherreisten, für ihr Volk zu werben, ließ sich auch der Bauer Rehlinghaus - Vorgänger von Oberhöffken - verleiten, den Werbern Folge zu leisten und nach Afrika zu ziehen. Bei seiner Rückkehr wurde er mit seinem langen, schwarzen Barte und großen Burenhute als der tapfere Burenkämpfer angestaunt. Wieweit er an den Kämpfen teilgenommen hat, blieb sein eigenes Geheimnis.

Es ist eine uralte Sitte, daß das Offizierkorps der Bochumer Maischützen alljährlich beim Maiabendfeste den beiden Bauernhöfen von Schulte und Homborg einen Besuch abstattet und daselbst bewirtet wird.

Von der Arbeiterschaft

Je mehr die alte Solidität der Bauernschaft ins Wanken geriet, um so mehr drängte der Stand der Arbeiter zur Geltung. Mit dem Auftreten des Bergbaues durch Abteufen der Zechen Caroline, Heinrich-Gustav und Amalia hatten auch viel Fremde aus anderen Teilen des deutschen Vaterlandes Einzug in Harpen gehalten. Die meisten von ihnen hatten den Weg, zur alten Sozialdemokratie gefunden, besonders in der Zeit des Bismarckschen Sozialistengesetzes und zu Lebzeiten Bebels. Viele hatten sich an den großen Streikbewegungen der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts beteiligt und erzählten noch von den sogenannten Kaiserdelegierten, die nach Berlin zum Kaiser geschickt waren, von denen einige später nach England fliehen mußten und erst nach 1918 zurückkehren konnten.

Diese Harpener sozialistischen Arbeiter waren straff organisiert; ihr Führer fast bis zu seinem Tode 1925 war der Knappschaftsälteste Konrad Horn. Als seine tätigsten Mitarbeiter müssen folgende Männer genannt werden: Greiling, Bode, Wlotzka, Degener, Nähle, Schneider, Vietmeier, Hergert, Scheer, Heckersdorf, Rüger, Schütrumpf, Kannenberg, Paschhoff, Mühlhausen, Frielinghaus, Lohmann, Nuhn, Schmelz und andere. Als der 70 Jahre alte Konrad Horn zu Grabe getragen wurde, schrieb eine Bochumer Zeitung u. a. folgendes: „Vor uns steht er mit wallendem, weißem Vollbart, breitschultrig, voll, das Sinnbild einer markanten Bergmannsgestalt. Ein gerader, offener Charakter, ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, der durch sein Wirken und Auftreten jedem Respekt abzwängt."

Neben der politischen Organisation gehörten die meisten dem freigewerkschaftlichen alten Bergarbeiter-Verbande an. Ihre Hochburg war beim Wirt Paschhoff. In der Kaiserzeit unterlag alles, was nach Sozialismus roch, der geheimen oder auch offenen Kontrolle.

Die Versammlungen waren bei der Polizeibehörde anzumelden, und diese hatte die Meldung weiterzugeben an den politischen Bezirks-Polizei-Kommissar der Regierung. Von diesem aus wurden die Versammlungen überwacht und evtl. auch aufgelöst. Der Verhandlungsbericht wurde der Regierung vorgelegt. Man hatte aber immer bei der Behörde den Eindruck, daß neben diesen öffentlichen Versammlungen noch vielmehr geheime Zusammenkünfte stattfanden.

Große Aufregung bei der Polizei veranlaßten stets die verbotenen Maifeiern, die dennoch in irgendeiner Form in Szene gesetzt wurden, wobei meistens in dem höchsten Baume die rote Fahne flatterte.

Das Dreiklassenwahlrecht und die sonstigen Wahlbestimmungen sorgten jedoch dafür, daß die Masse der Angehörigen der 3. Klasse - die obengenannten Sozialisten - im amtlichen Gemeindeleben keine ausschlaggebende Rolle spielten. Ihr einziger Vertreter im Gemeindeparlament war dieser Konrad Horn.

Dazu kam nun eines Tages eine ganz besonders unangenehme Überraschung. Die meisten Bergarbeiter waren einmal aus dem Großherzogtum Hessen nach Harpen eingewandert - der nächste Teil kam aus der Provinz Hessen und ein kleiner Rest aus Ostpreußen. Nach dem Staatsangehörigkeitsgesetze waren die Hessen-Darmstädter Angehörige dieses Bundesstaates und blieben es auch, wenn sie innerhalb der deutschen Grenzen verzogen und sich nicht in den Staatsverband des neuen Wohnsitzes aufnehmen ließen. Das letztere aber unterließen die meisten aus Unkenntnis, und so wurden sie keine Preußen, d. h. sie hatten weder Wahlrecht für den preußischen Landtag noch für die Gemeindevertretung. Danach hatte aber bis dahin kein Beamter des Amtes geforscht, welcher Staatsangehörigkeit die Harpener Einwohner sich eigentlich erfreuten.

Allgemeines vergebliches Toben, als etwa 1905 alle Hessen-Darmstädter und andere Nicht-Preußen nicht mehr in den Wahllisten erschienen. Diese Ueberraschung ergab einen interessanten Aufschluß von der Zusammensetzung und Herkunft der Harpener Bevölkerung. Erst das allgemeine gleiche Wahlrecht nach 1916 änderte diese Entrechtung der zugewanderten Püttmänner, soweit sie sich inzwischen nicht in den preußischen „Untertanen-Verband" hatten aufnehmen lassen.

Berücksichtigt man solche polizeilichen und gesetzlichen Maßnahmen in der kaiserlichen Zeit, so erscheinen sie heute als kleine Nadelstiche im Vergleich zu den Drangsalierungen in der Zeit des „Dritten Reiches".

Im Gegensatz zu diesen vielen sozialistischen Zugezogenen fanden sich die alteingesessenen Arbeiter so ziemlich im 1898 gegründeten evangelischen Arbeiterverein und in den christlichen Gewerkschaften zusammen und blieben diesen Bestrebungen auch treu, obgleich ihnen manches von der Gesinnung der Sozialisten infolge des engen Zusammenlebens und der Zusammenarbeit auf den Zechen ins Blut eingedrungen war, wobei sie es aber weit von sich wiesen, Sozialisten zu sein, wenn man sie auf Grund mancher Charakterzüge als solche ansprechen wollte.

Dasselbe Bild erlebte man oft bei den Geschäftsleuten und Handwerkern des Ortes. Wenngleich diese und die Arbeiter durch Schule, Vereine, Nachbarschaften vielfach als Duzfreunde galten, gingen ihre politischen und religiösen Wege doch auseinander.

Vom Mittelstande

Der Mittelstand in Harpen umfaßte nur wenige Bürger. Diese rechneten sich in der Mehrzahl zu den Nationalliberalen, nach 1918 zur Volkspartei und nur wenige zu den Deutschnationalen. Dieser Mittelstand wurde hauptsächlich repräsentiert durch eine Stammtischgesellschaft beim Wirt Fleitmann, wo sich die Honoratioren allabendlich zusammenfanden und von da ihren Einfluß auf die Begebenheiten des Dorflebens zur Geltung brachten.

Lange Zeit hat der Rentner Fritz Vogt sich in dieser Runde als Gelegenheitsdichter und Bismarckverehrer feiern lassen. Es gab kein Bismarckfest auf der Hohensyburg, wo Fritz Vogt nicht zu Worte kam. Die Lehrerschaft gehörte auch zu diesem Stammtisch, und der alte Dorf- und Knappschaftsarzt, Sanitätsrat Dr. Schäfer, fehlte dabei auch nicht. Dessen Praxis erstreckte sich eine lange Zeit sogar noch bis nach Lütgendortmund und Werne hinein. Sein Nachfolger, Dr. Wilhelm Schulte-zu-Sodingen, ist nun auch schon 25 Jahre lang der einzige ärztliche Betreuer dieser Ortsbewohner. Leider war nach 1933 in diesem Kreise der Lehrer B., ein geborener Harpener Junge, mit seinem nationalsozialistischen Fanatismus ziemlich tonangebend geworden.

Der letzte Ministerpräsident von Braunschweig, der dazu berufen war, seinen „großen Führer" in den Braunschweigischen Staatsverband und damit in den Deutschen Reichsverband aufzunehmen, hat als einstiger Harpener Lehrer auch an diesem Stammtisch seinen Platz gehabt.

Diese politisch, kulturell und wirtschaftlich stark gegensätzliche Struktur bildete die Atmosphäre für die Mentalität der Bevölkerung.

Aber hätte mal einer wagen sollen, die Gemeinde Harpen nur spöttisch zu erwähnen oder gar zu benachteiligen versuchen, dann gab es einen geschlossenen Aufstand gegen ein solches Unterfangen; dann kannte man keine Parteien mehr, dann gab es eine Abwehr, an der man sein helles Wunder erleben und an dem selbst ein Amtmann von Köckritz sich die Zähne ausbeißen konnte.

Das Amt Harpen macht sich bemerkbar

Als dieser Amtmann 1901 sein Amt antrat, hatte er einen schweren Stand. Bis dahin galt für Harpen das bekannte Wort: „Rußland ist groß, und der Zar ist weit."

Die Amtmänner hatten eben zu große Amtsbezirke gehabt, und die Verwaltung befand sich in Bochum. Das wurde mit der Verlegung des Amtes Harpen 1902 anders.

Die Alleinherrschaft des Dorfpolizisten mußte gebrochen werden; man glaubt gar nicht, was so ein ungekrönter Amtmann für einen unheimlichen Einfluß in seinem Gewaltbereiche auszuüben vermochte. Der eigentliche Regent der Gemeinde war der Dorf-Sergeant, so unglaublich das klingt. Er war damals Gemeindebeamter und glaubte, dem Amtmann keinen Gehorsam schuldig zu sein, obgleich letzterer doch Polizeiverwalter war. Diese Aufsässigkeit ging so weit, daß der Gemeinde-Polizeibeamte die Tagesordnung einer Gemeinderatssitzung vorher mit den Gemeinde-Verordneten durchsprach und ihnen seine Ratschläge hierzu erteilte. Hatte der Amtmann auf die Einladung Angelegenheiten gesetzt, die dem Polizisten nicht paßten, dann veranlaßte dieser die Gemeinderäte, der Sitzung fernzubleiben (do got it nich hen), so daß meistens noch einmal eingeladen werden mußte mit der Androhung, daß die Versammlung nach der zweiten Einladung beschlußfähig sei, ohne Rücksicht auf die Zahl der Teilnehmer. Wenn zu dieser Sitzung nicht der Zechenvertreter erschienen wäre, hätte man bestimmt auch die zweite Einladung sabotiert.

In diesem Kampfe blieb schließlich doch der Amtmann Sieger, nachdem er es durchgesetzt hatte, daß dieser Polizei-Sergeant auf den Besoldungs-Etat der Amtsverwaltung übernommen und damit Untergebener des Amtmanns wurde. Trotz der besten Absichten des Amtmanns von Köckritz blieb für diesen Harpen immerfort ein schwieriges Arbeitsfeld. Und als ausgerechnet dieser Vertreter eines alten Adelsgeschlechtes, ehemaliger Gardeoffizier und Hofpage der Kaiserin Augusta anfing, der sozialdemokratischen Arbeiterschaft Entgegenkommen zu erweisen, da brach der Sturm des Unwillens erst richtig los, und die Intrigen nahmen kein Ende. Von Köckritz hatte gewagt, den sozialdemokratischen Patriarchen Konrad Horn zum Schiedsmann zu machen und zum Mitgliede des Schulvorstandes.

Das waren damals in den Augen der bürgerlichen Bevölkerung unerhörte revolutionäre Maßnahmen zu einer Zeit, als man noch „Heil Dir im Siegerkranz" sang, Bismarck-Feuer abbrannte und Sedanfeste feierte

Von Köckritz dachte aber zu gerecht, als daß er sich zum Büttel dieser politischen „Rechtgläubigen" hätte machen lassen. Er ging den für ihn schweren, aber gerechten, unparteiischen Weg. Es war nun alles auf Kampf eingestellt. Ja sogar Kampf bei Begräbnissen. In Harpen gab es nur einen evangelisch-kirchlichen Friedhof. Starb ein Katholik, so lehnte man dessen Beerdigung auf diesem Gottesacker ab. Der Amtmann mußte mit polizeilichen Verfügungen, Strafen und Mithilfe eines Polizeibeamten solche katholische und Dissidenten-Beisetzungen erzwingen, bis die Regierung endlich Regelung traf, und von da ab Beerdigungen gegen besondere Gebühren stattfinden mußten.

Von Sitten und vom Geist der Zeit

Ich will harpen
 
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